SS 2016

"Ein denkender Baumeister braucht nicht jedes Detail sklavisch nachzuahmen"

(Friedrich Weinbrenner, 1809) - Auf den Spuren des Karlsruher Städteplaners und Baumeisters

Karlsruhe. Karlsruhe und Friedrich Weinbrenner im Doppelpack: Der Altherrenzirkel beschloss das Sommersemester mit einer Doppelveranstaltung zum bedeutenden Architekten Friedrich Weinbrenner und seine Gestaltung der Zirkel-Heimat Karlsruhe – nach einem Vortragsabend folgte zwei Tage später die Besichtigung der Bauten durch eine Stadtführung.

„Kennst Du Deine Stadt?“ – diese Frage des Vorsitzenden des Altherrenzirkels Unitas Karlsruhe, Bbr. Dr. Konrad Pumpe, bildete den Auftakt zum ersten Teil. Im Mittelpunkt: „Leben und Wirken von Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe“. Zu wenig widme man sich beim täglichen Gang durch die Karlsruher Straßen und beim Einkauf und anderen Beschäftigungen den Gebäuden und ihren Geschichten. Um mehr über die Historie der Stadtentwicklung und den Einfluss eines ihrer bedeutendsten Gestalter zu erfahren, fanden sich Zirkelmitglieder und Aktive der Unitas Franco-Alemannia auf dem Unitas-Haus ein, um gebannt den Erzählungen und vor allem den zahlreich eingestreuten Anekdoten und persönlichen Meinungen von Bbr. Dr. Gottfried Leiber – einem ausgewiesenen Experten zur Person „Friedrich Weinbrenner“ – über das Leben und Schaffen des großen deutschen Architekten und Karlsruher Städteplaners zu lauschen.

Bereits zur Altherrenbundstagung 2002 in Karlsruhe habe er aufgrund der aufgestellten Baugerüste zahlreiche bauliche Schönheiten nicht präsentieren können - so Bbr. Leiber. Nun sei es derzeit auch wieder um die Sichtbarkeit der Gebäude um den zentralen Marktplatz schlecht bestellt. Rathaus und evangelische Stadtkirche würden mit ihren Portalen den Besucher auf dem Marktplatz begrüßen, falls er denn an den Bauzäunen vorbei einen Weg fände. Gleichwohl die Gebäude am Kopf der Via Triumphalis stehen, die durch die Weiterführung mit dem Rondellplatz und dem Ettlinger Tor gebildet wird, habe besagte Triumphstraße aber wohl erst lange Zeit nach Weinbrenner ihren Namen gefunden und die Namensgebung sei nicht seine Idee gewesen. Weinbrenner, geboren 1766 als Sohn eines Zimmermanns, war nach Lehrjahren in Wien, Dresden, Berlin und Rom 1797 nach Karlsruhe zurückgekehrt. Er lehnte verlockende Angebote in anderen deutschen Städten ab, weil er in der noch im Entstehen befindlichen jungen Stadt Karlsruhe eine große Chance sah, seine Heimatstadt nach seinen Vorstellungen im klassizistischen Stil zu gestalten. Doch trotz seiner hervorgehobenen Position als fürstlicher Baudirektor war die Gestaltung Karlsruhes von vielfältigen Schwierigkeiten geprägt. Umbrüche durch die Vereinigung von Baden-Durlach mit der Markgrafschaft Baden-Baden und weitere Gebietsvergrößerungen ließen sowohl die Ansprüche an die Stadtplanung wachsen wie auch die klammen Kassen weiter schrumpfen. Statt Marmorsäulen aufzustellen wurden Holzsäulen vergipst, Steinfronten mit überputztem Fachwerk realisiert. Ein ständiges Ringen um seine Entwürfe mit dem Markgrafen, anderen Amtsträgern oder auch mit seinen Schülern, von denen er viele in seinem eigenen Haus ausbildet, zog sich durch die Planung und Realisierung seiner Bauten. In den zwei Stunden des Zirkel-Abends wurde das 18. Jahrhundert so lebendig, dass man sich selbst an bekannten Stellen zwischen historischen Figuren wiederfand. Die Schilderungen von Bbr. Leiber führten die Anwesenden einmal quer durch Karlsruhe, vom Marktplatz, über den Rondellplatz mit dem Markgräflichen Palais, über das Ettlinger Tor, die katholische Stadtkirche St. Stephan und den Brunnen am Ludwigplatz auch hin zu Gebäuden, die es nicht in die heutige Zeit geschafft hatten, wie den gotischen Turm oder auch die Synagoge. Beinahe greifbar konnte man sich halbakademische Diskurse zwischen Weinbrenner und Tulla vorstellen, die trotz der „Konkurrenz“ der Baumeister letztendlich durch Wirken und die Ausbildung einer großen Schülerzahl zur Gründung der Polytechnischen Hochschule, dem Vorläufer des heutigen KIT, führte.

Zwei Tage später hatten die Unitarier und Gäste Gelegenheit, tatsächlich auf den Spuren Weinbrenners zu wandeln. Unter der engagierten und mit Herzblut geleiteten Führung von Herrn Schäfer vom Fremdenverkehrsbüro konnte man sich nun einen direkten Eindruck von Architektur und Ausführung der Bauten machen und die Tags zuvor gehörten Anekdoten „in natura“ mit den Werken Weinbrenners verbinden und sein Wissen noch um weitere Hintergrundinformationen unmittelbar vor Ort erweitern. Der eine oder andere Teilnehmer entdeckte dabei schöne Flecken inmitten der Stadt, die ihm bis dato unbekannt geblieben waren. „Kennst Du Deine Stadt?“ – die Auftakt gebende Frage konnte nach den rund drei Stunden der informativen und an historischen wie baulichen Eindrücken reichen Stadtführung deutlich souveräner beantwortet werden als noch zwei Tage zuvor. Dass man zukünftig „sein“ Karlsruhe mit ganz anderen Augen wahrnehmen werde, darüber waren sich alle einig.

Mit dieser Doppelveranstaltung endete zwar das Sommersemester, doch auch in den Ferien stehen interessante Programmpunkte des Altherrenzirkels auf dem Programm: Die Wanderfreunde und Anhänger des Geocachings lockt am 4. September eine Wanderung auf dem Karlsruher Grat, am 15. September führt ein Reisebericht in die nur per Kajak erfahrbaren Gegenden von Kamtschatka. Zu beiden Veranstaltungen sind Unitarier und Gäste herzlich eingeladen.

Weitere Informationen finden sich unter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Weinbrenner
https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Leiber