WS 2014/15

Von der idealen Form der Wissenschaft - Entscheidungen ohne Reue

1. Vereinsfest „Maria Immaculata“ mit philosophischen Einsichten

Karlsruhe. Sowohl im von den aktiven Bundesbrüdern vorbereiteten und von Hochschulpfarrer Hans-Jörg Krieg zelebrierten Gottesdienst wie auch im Festvortrag der anschließenden Morgensitzung, wofür Junior-Professor Dr. Gregor Betz vom Institut für Philosophie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gewonnen werden konnte, hatten die zahlreichen Gäste wieder Gelegenheit, sich mit dem Semesterthema „Verantwortung in Wissenschaft und Technologie“ auseinanderzusetzen.

In Gott vertrauen

„Mir geschehe wie Du gesagt.“ – kein Zeichen hilfloser Resignation sondern ganz im Gegenteil: Maria entscheidet sich voller Vertrauen in Gott für die große Verantwortung, seinen Sohn zu empfangen und zur Welt zu bringen. Sie weiß sich des Beistandes des Heiligen Geistes gewiss. Eben so, so Hans-Jörg Krieg, können wir uns der Zusicherung gewiss sein: Gott wohnt in uns. Wir sollen auf ihn hören, bei unseren täglichen Entscheidungen in kleinen wie großen Dingen offen sein für Gottes Wille, diesen mit in unsere Erwägungen einbeziehen zum Wohl der Menschen. Dann dürften wir als seine Erben (nach Galater-Brief) durch unseren freien Willen auch schwere Entscheidungen treffen und uns auf den Beistand Gottes verlassen.

Wissenschaft philosophisch betrachtet

Dass solche persönlichen Entscheidungen in der Wissenschaft zu treffen sind, führte im Anschluss Prof. Dr. Betz aus, der sich begeistert zeigte, in welcher Bandbreite und mit welch anspruchsvollen Themen sich die Studenten bereits im laufenden Semesters unter dem Motto „Trust me – I'm an engineer!“ befasst haben. Seine Arbeit zu praktischer Philosophie, angewandter Ethik und Technologieabschätzung beschäftigt sich auch mit der Unterscheidung der Fragestellungen, wie eine Handlung moralisch bzw. ethisch bewertet werden kann und Menschen für ihre Entscheidungen moralisch verantwortlich gemacht werden können. Dazu gelte es, die drei Phasen des Wissenschaftsprozesses, Entstehungsprozess, Begründungsprozess und Verwertungsprozess getrennt zu betrachten. Erst dann könne man auch die Entscheidungen von Menschen im richtigen Kontext beurteilen.

Ideale Welt

Für den Entstehungsprozess, in dem eine Auswahl des zu erforschenden Themas getroffen wird, spielen die menschliche Neugier, die begrenzten Ressourcen, auch mögliche Verbesserungsziele eine Rolle. Nach Dr. Betz ließen sich hier moralische Entscheidungen durch den Wissenschaftler am ehesten durch einen utilaristischen Gedanken vermeiden, indem das „Ideal der wohlgeordneten Wissenschaft“ verfolgt werde: Die Forschungsaufträge befinden sich in Einklang mit den wohlüberlegten Präferenzen der Bürger, der Gesellschaft. Diese habe in einem ausreichend tiefgründigen Abstimmungsprozess durch Einigung auf gemeinsame Moralvorstellungen die zu behandelnden Forschungsfragen bestimmt. Auch der Verwertungsprozess könne, so Dr. Betz, nach dem „Ideal einer wohlverwendenden Wissenschaft“ durch gemeinschaftliche Abwägung gesellschaftlicher, ökologischer, ökonomischer u.a. Auswirkungen zu einem Regelwerk führen, anhand dessen der Wissenschaftler ohne moralische Konflikte Entscheidungen fällen kann, die die Gesellschaft nicht mehr unter ethischen Gesichtspunkten bewerten muss.

Ungleich schwieriger gestalte sich der Umgang mit dem Begründungsprozess, führte Dr. Betz weiter aus. Die Verwendung normativ aufgeladener Begriffe wie „Armut“, „Vergewaltigung“, „Klimakatastrophe“ stellen mögliche Antworten bereits in einen Wertungskontext. Die Wahl von Messmethodiken kann ebenfalls eine Begründung erschweren, wie z.B. beim "Nachweis von Nachhaltigkeit" oder der Einordnung von toxologischer Relevanz. Dennoch sieht Dr. Betz auch hier die Möglichkeit, z.B. durch Wahl geeigneter neutraler Formulierungen, alternativer Methoden, Präzisierung von Ergebnissen und Akzeptanz von Unsicherheiten in Ergebnissen, das Dilemma moralische Entscheidungen zu vermindern oder sogar zu vermeiden.

Wertfreie Wissenschaft ist möglich

In der idealen Welt der Philosophie ist es somit möglich, dass der Wissenschaftsprozess wertfrei sein kann. Zum Wohl der involvierten Personen sollte er das auch sein. Sind die Entscheidungen für den Entstehungsprozess und den Verwertungsprozess durch die Gesellschaft gefallen, entscheidet nicht mehr der Einzelne, es sind alle Handlungen im Einklang mit dem moralischen Allgemeinverständnis. Daraus ergibt sich in nächster Konsequenz auch die Notwendigkeit, die Organisation der Wissenschaft neu zu überdenken und zum Beispiel auch die Beteiligung der Wissenschaftler an der Wissenschaftsorganisation weiter ausbauen. Ebenso müssen im Begründungsprozess Regelwerke geschaffen werden, an denen sich Wissenschaftler orientieren und für Entscheidungen heranziehen können.

Unitarische Gemeinschaft gedeiht

Diese Thematik der ethischen Verantwortung war für den mit dem Ingenieurs-Gedanken geimpften Karlsruher Akademiker, aber auch für die zahlreichen weiteren Besucher des Vereinsfest nicht so einfach abzuhaken, doch durften weitergehende Diskussionen einem erfreulichen Zuwachs der Aktivitas Platz machen. Mit großer Freude konnte Senior Pascal Rogg den erst seit dem späten Sommer auf dem Unitas-Haus wohnenden Interessenten Niman Bajraktari als Neo-Fuxen in den Kreis der Aktiven aufnehmen und brachte seine Erwartung zum Ausdruck, dass auch weitere Spefüxe diesem Beispiel bald folgen mögen.

Nach „virtus“ im Gottesdienst und „scientia“ im Festvortrag zeigte sich das unitarische Prinzip der „amicitia“ in einer besonders beeindruckenden Form. Der AHZ-Vorsitzende Bbr. Dr. Konrad Pumpe bewarb im Namen der Karlsruher Altherrenschaft ein sehr persönliches, sehr unitarisches, soziales Projekt zur finanziellen Absicherung des Studiums eines Aktiven, der aufgrund familiärer Umstände andernfalls den Studienabbruch trotz außergewöhnlicher Studienleistung hätte akzeptieren müssen. Allein durch die spontanen Spendenzusagen der anwesenden Vereinsfestteilnehmer konnte bereits eine stattliche Summe erzielt werden, mit der schon die nächsten Monate überbrückt werden können. Treffender könnte der Satz aus dem „Bonner Papier“ (beschlossen 1972 durch die 95. Generalversammlung in Bonn) nicht gelebt werden: „Jeder Bundesbruder versteht die unitarische Gemeinschaft als Lebensbund. Gegenseitige Mitverantwortung und die Bereitschaft, einander selbstlos zu helfen, sind Bedingungen der bundesbrüderlichen Freundschaft.“

„Verantwortung in Wissenschaft und Technologie“ wird auch den weiteren Semesterverlauf durch interessante Programmpunkte prägen, so Bbr. Pascal Rogg zum Abschluss. Sei es ein Unitarischer Abend zum Prinzip der „scientia“ anlässlich der Nobelpreisverleihung, eine WS zur Problematik der Atommüll-Endlagerung oder das zweite Vereinsfest mit Beiträgen von Bundesbrüdern, die aus ihren ganz persönlichen beruflichen Erfahrungen im Kontext der verantwortungsvollen Entscheidung berichten werden. Hierzu wie auch zu den geselligen Programmpunkten sei herzlich eingeladen.

Text & Bilder: Bbr. Ingo Gabriel