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Griechische Philosophen, Gründer unserer Zivilisation?

Wissenschaftliche Sitzung mit Bbr. Josef Mutschler

Karlsruhe. Wieder konnte ein trister Dienstagabend in diesen Zeiten von sozialem Abstand abgewandt werden: da wir uns hier digital versammeln konnten, um unsere Aufmerksamkeit mit Freuden dem lb. Bbr. Josef Mutschler zu schenken. Frisch rezipiert widmete dieser sich tapfer mit seiner ersten Wissenschaftlichen Sitzung der Scientia unter dem Thema "Griechische Philosophen, Gründer unserer Zivilisation?".

Die Wissenschaft. Sie ist unumstritten eine der wichtigsten Grundpfeiler unserer Zivilisation, wie wir sie heute kennen. Wo doch 600 v.Chr. die Welt allein von Mythen und heidnischen Götterbildern geprägt war, begaben sich große Philosophen wie Pythagoras, Thales von Milet, Anaximander und Aristoteles auf die Suche nach der Wahrheit. Sie waren darin bestrebt, Systematik in die doch so chaotische Welt zu bringen. Sie utilisierten die Mathematik, den Kosmos, zeichneten Karten von Himmel und Erde. "Wie ist die Welt entstanden? Das Universum?", so eine der Eingangsfragen des Referenten. Sokrates war es, der dazu anregte, das eigene Wissen kritisch zu hinterfragen. Dabei stieß er auf die große Frage, nach dem „Guten“, und konnte diese schließlich nicht beantworten: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wird man ihn daraufhin zitieren. "Was ist das 'Gute'? Ist das nicht vielleicht eine Frage, die uns die Wissenschaft nicht beantworten vermag?", so die zweite Leitfrage von Bbr. Mutschler. Mit Unterstützung exakter Methoden könnten die Wissenschaften von Heute einige Punkte klären, allerdings bildeten genau jene Methoden auch Grenzen für Bereiche, die sich damit nicht abbilden ließen. Und so suche die Menschheit damals und auch heute Orientierung in der Vernunft, in der Tugend. Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigung und Tapferkeit kennt man heute als die antiken Kardinaltugenden. Diese Charaktertugenden sollten das Handeln bestimmen und in ihrer Mitte soll der rechte Weg liegen. So erlange man exemplarisch die Tapferkeit nur in Balance zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Selbst unser aller Lebensziel glaubte Aristoteles letzten Endes mit der Glücksfindung bestimmt zu haben. Man könnte meinen, all das Wissen, all diese Konzepte, hätten die Wirklichkeit fassbar gemacht, sie abgesteckt; und so liegt uns die Frage nahe:

Waren diese Philosophen nun die Gründer unserer Zivilisation? Sicher haben sie einen großen Teil am Fundament beigetragen, doch nicht die Wissenschaft allein macht unser Heute aus; nicht das Erklärbare allein. Mit ihrem Vorhaben, den Ursprung und den Grund der Welt zu erfragen, wollte man auf dem Weg des Denkens das „Gute“ ersuchen; im Grunde Gott erkennen. Doch dieser Gott der Philosophen ist „nicht unmittelbar der lebendige und persönliche Gott, den uns die Bibel bezeugt, sondern ein Weltgrund, ein Unbedingtes und Absolutes, das man nicht mit einem persönlichen Namen, sondern nur mit abstrakten Begriffen benennen kann. Zum Gott der Philosophen kann man nicht beten.“ [1] Doch worin findet man dann Trost? Denn der „(…) Mensch ist mehr. Er braucht Liebe, Sinn und Hoffnung.“ [1] Um diese Lücke zu schließen, verbindet unser Vereinspatron, der heilige Thomas von Aquin, viele Jahre später die vorgestellten antiken Kardinaltugenden mit den christlichen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung. Diese sieben Tugenden bilden die Grundlage für eine zivilisierte, christliche, Lebensführung und bieten uns Unitariern auch heute, in Form der Virtus, Halt in jeder Lebenslage. Ein Stern in finsterer Nacht, der uns den Weg zeigt.

Liebe Bundesschwestern, liebe Bundesbrüder, liebe Freunde der Unitas, bitte denkt daran: Gerade in diesen anfangs erwähnten tristen Zeiten, mit all dem sozialen Abstand, vermag die Amicitia zu kurz zu kommen. Umso wichtiger ist es, in all der vermeintlichen Einsamkeit, sich nicht dem, durch die Vernunft, Erklärbaren allein hinzugeben, sondern gerade jetzt, den Umständen entsprechend, aktiv und kreativ zu werden, um auf anderen Wegen Glaube, Liebe und Hoffnung zu sähen. Semper in unitate!


[1] Bischofskonferenz, D. (1985): Katholischer Erwachsenenkatechismus: Das Glaubensbekenntnis der Kirche, S.16-25